Gemeinsam für vielfältige und lebendige Wälder: Urwaldkäfer und -Tagfalter
Für den Alpenbock, den Hirschkäfer, den Pflaumenzipfelfalter und viele weitere gefährdete Waldarten.
-
Pro Natura Graubünden
Das Wichtigste in Kürze
Pro Natura Graubünden fördert in diesem Projekt die Waldbiodiversität, indem wir neue Lebensräumen für drei gefährdete Arten bauen:
den Alpenbock (Rosalia alpina)
den Hirschkäfer (Lucanus cervus)
den Pflaumenzipfelfalter (Satyrium pruni)
Sie stehen stellvertretend für viele weitere Tierarten, die von naturnahen Wäldern profitieren. Diese Arten sind auf strukturreiche, warme und lichte Wald- und Waldrandhabitate angewiesen, die typisch für Urwälder sind, in bewirtschafteten Wäldern jedoch vielerorts fehlen. Wir unterstützen die Wiederherstellung dieser Lebensräume durch gezielte Förderung von Totholz, Altbäumen und Waldrandstrukturen.
Im Projekt sollen zwischen 2026–2029 an 42 Standorten in sechs Regionen Graubündens(Rheintal, Prättigau, Surselva, Domleschg, Misox, Bergell, Puschlav) knapp 200 Strukturen gebaut werden.
-
Josia Orlik
Warum es unsere Hilfe braucht
Natürliche Wälder entwickeln sich über Jahrhunderte und durchlaufen verschiedene Lebensphasen. Besonders wertvoll für die Artenvielfalt sind die frühen Pionierphasen sowie die späten Zerfallsphasen eines Waldes. Während in jungen Waldstadien lichtliebende Pflanzen und Tiere geeignete Lebensräume finden, entstehen in alten Wäldern durch absterbende Bäume, Totholz und strukturreiche Bestände wertvolle Nischen für zahlreiche Spezialisten.
Zwar wächst das Netzwerk aus Altholzinseln und Naturwaldreservaten, wo solche natürlichen Prozesse ohne menschliches Eingreiffen zugelassen werden, langsam an. In bewirtschafteten Wäldern fehlen diese natürlichen Entwicklungsphasen aber noch häufig. Dadurch fehlen wichtige Lebensräume für Arten, die auf alte Bäume, morsches Holz oder sonnige Waldränder angewiesen sind.
Viele spezialisierte Waldarten stehen deshalb heute auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Die wichtigsten Ursachen dafür sind:
Fehlende Zerfalls- und Pionierphasen in bewirtschafteten Wäldern
zu wenig Habitatbäume und stehendes Totholz
zu wenig strukturreiche und naturnahe, sonnige Waldränder
fehlende Vernetzung wertvoller Lebensräume
Ohne gezielte Fördermassnahmen nimmt die Qualität der Wald-Lebensräume weiter ab und viele der gefährdeten Arten werden aussterben.
-
Josia Orlik
Unsere Ziele für das Projekt
Mit dem Projekt werden langfristig wertvolle Waldstrukturen geschaffen und miteinander vernetzt. Ziel ist es, die Lebensbedingungen für Alpenbock, Hirschkäfer, Pflaumenzipfelfalter und zahlreiche weitere Arten nachhaltig zu verbessern.
Bis zum Projektabschluss sollen unter anderem:
60 Buchenstämme als Totholz aufgestellt werden
40 Buchen geringelt werden
50 Buchen übermannshoch abgeschnitten werden
20 Hirschkäfer-Wiegen gebaut werden
1'500 m Waldrand aufgewertet werden
2 Lebenstürme gebaut werden
So helfen wir gezielt bedrohten Waldtieren
Massnahmen für den Alpenbock
Vertikale Buchenstämme:
Bereits gefällte Buchenstämme werden an sonnigen Standorten im Buchenwald oder am Waldrand senkrecht im Boden verankert und werden bis zu ihrem natürlichen Zerfall stehen gelassen. Das sind ideale Eiablageplätze für den Alpenbock, in denen die Larven sicher überleben. Häufig legt er die Eier in Brennholzbeigen und die Käferlarven werden dann unabsichtlich verbrannt.
-
Pro Natura Graubünden
Geringelte Buchen:
Durch das fachgerechte Ringeln ausgewählter Buchen sterben die Bäume langsam ab und entwickeln sich zu wertvollem stehendem Totholz. Dadurch gelangt auch mehr Sonnenlicht in den Bestand. Beides ist wichtig für den wärmeliebenden Alpenbock. Das entstehende Totholz bleibt bis zum Zerfall im Wald und bieten auch zahlreichen anderen Tieren Lebensraum.
-
Pro Natura Graubünden
Hoch abgeschnittene Buchenstrünke:
Bei Holzschlägen werden einzelne Buchen nicht bodennah gefällt, sondern als mehrere Meter hohe Strünke stehen gelassen. Diese entwickeln sich zu wertvollen Totholzstrukturen und bieten dem Alpenbock sowie vielen weiteren holzbewohnenden Insekten über mehrere Jahre geeignete Entwicklungs- und Rückzugsorte.
-
Anja Lozza
Hirschkäferwiegen als Kinderstube
Für den Hirschkäfer bauen wir sogenannte Hirschkäferwiegen. Wir graben grosse Mengen Laubholz so im Boden ein, dass nur noch ein kleiner Teil oben rausschaut. Dieses Holz behandeln wir mit Pilzen, welche dann im Holz wachsen. Erst durch die beginnende Zersetzung durch die Pilze wird das Holz für die bis zu sieben Jahre dauernde Larvenentwicklung geeignet. Die Standorte liegen bevorzugt an sonnigen bis halbschattigen Waldrändern, auf Lichtungen oder in aufgelockerten Laubwäldern.
Von Totholz profitieren nicht nur Hirschkäfer, sondern zahlreiche weitere seltene Käferarten.
Vielfältige Waldränder für den Pflaumenzipfelfalter
Der Pflaumenzipfelfalter benötigt strukturreiche, sonnige Waldränder mit einer grossen Vielfalt einheimischer Sträucher. Durch gezielte Waldrandpflege werden monotone Waldränder aufgewertet. Einheimische Gehölze wie Schwarzdorn, Traubenkirsche, Holunder oder Liguster werden gefördert oder neu gepflanzt. Gleichzeitig entstehen gestufte Waldränder mit Strauchgürteln und blütenreichen Krautsäumen, die nicht nur dem Pflaumenzipfelfalter, sondern einer Vielzahl weiterer Insekten und Vögel zugutekommen.
Wissen weitergeben und Lebensräume langfristig sichern
Neben der praktischen Umsetzung spielt auch die Information der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Wir bauen darum auch zwei sogenannte Lebenstürme. Diese bilden künstlich einen alten Baum nach, und zeigen auf, wie viele verschiedene Lebensräume in einem alten Baum entstehen und wie viele verschiedenen Tiere und Pflanzen darauf auf engstem Raum leben können.
-
Pro Natura Graubünden
- Ein Lebensturm bietet vielen bedrohten Arten ein Zuhause, dasselbe leistet ein alter Baum ganz von alleine.
Unterstützer:innen
Wir danken den Stiftungen herzlich, dass sie das Projekt ermöglicht haben.
Das Projekt wird von folgenden Stiftungen finanziell unterstützt:
Weiterführende Informationen
Info
Das Projekt «Urwaldkäfer und -Tagfalter» wird von Pro Natura Graubünden gemeinsam mit lokalen Partnern sowie mit finanzieller Unterstützung des Kantons Graubünden und verschiedener Stiftungen umgesetzt.
Autor: Josia Orlik, Umweltingenieur
Projektleiter bei Pro Natura Graubünden
[email protected]
081 511 64 14